*Doris Geist hat die Gedichte in Deutsche Gebärdensprache (DGS) übersetzt. DGS ist eine visuelle Sprache, die neben Körperhaltung und Mimik vor allem Gebärden verwendet und sie durch räumliche Bewegung in Bezug setzt. Dabei werden viele inhaltliche Elemente simultan ikonisch wiedergegeben. Die Deutsche Gebärdensprache besitzt eine vom gesprochenen Deutsch unabhängige grammatische und semantische Struktur.
Doris ist von Geburt an gehörlos und arbeitet als Gebärdensprachdozentin und Kulturschaffende in Bremen. Sie leitet die Sprachschule Gebärdenfreude.

Hilde Domin

Ziehende Landschaft

Johann Wolfgang von Goethe

Erlkönig

Ziehende Landschaft

Man muß weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.

Man muß den Atem anhalten,
bis der Wind nachläßt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen,
als sei es an das Grab
unserer Mutter.

Hilde Domin

Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“ –

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. –

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ –

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. –

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ –
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Johann Wolfgang von Goethe

*Franziska Winkler hat die Gedichte Wort für Wort aus dem Deutschen gebärdet. Dabei handelt es sich um eine Form des Gebärdens, die sich an der Struktur der gesprochenen Sprache orientiert. Sie gilt nicht als eigenständige Gebärdensprache, sondern wird häufig als gebärdete Lautsprache angesehen. Die Technik ist mit der wortwörtlichen Übersetzung eines deutschen Textes ins Englische vergleichbar, bei der die deutsche Grammatik beibehalten wird.
Franziska ist als hörende Tochter gehörloser Eltern (CODA) aufgewachsen und ist in der Projektleitung von handverlesen als Kulturvermittlerin in Bremen und Berlin tätig.

Hilde Domin

Lyrik

Rainer Maria Rilke

Ich fürchte mich so
vor der Menschen Wort

Andrea Heuser

SPRECHEN jetzt

Lyrik
das Nichtwort
ausgespannt
zwischen
Wort und Wort

Hilde Domin

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke

SPRECHEN jetzt
die tauben wieder
noch, noch einmal
dein heller ton
über dem schotter,
dem ohr

Andrea Heuser

Wie bewegt sich
ein Gedicht?

Wir wollen Gedichte in die Hand nehmen und gebärdensprachliche Literatur populärer machen. Unser Übersetzungsprojekt »handverlesen« erarbeitet die erste gebärdensprachliche Anthologie deutscher Lyrik und Gebärdensprachpoesie. Eine solche ist in Deutschland bislang noch nicht erschienen. Gebärdensprachliche Literaturübersetzungen sind immer noch Pionierarbeit. Mit der geplanten Publikation wollen wir das ändern.
  Die zweisprachige Publikation ist in einem Umfang von fünfzig Gedichten konzipiert und überträgt Poesie in beiden Übersetzungsrichtungen: lautsprachliche Lyrikt in Gebärdensprache und Gebärdensprachpoesie in lautsprachliche Gedichttexte. Da die gebärdensprachlichen Übersetzungen als Bewegtbilder eine filmbasierte Darstellung erfordern, ist die Publikation multimedial konzipiert. Das traditionelle Buchformat wird mit digitalen Formen (DVD und Webpräsenz) verknüpft.
  Gebärdensprachliche Übersetzungsprozesse stellen die traditionelle Definition des Gedichts als Text in Frage und sind fähig, lyrische Sprache jenseits von Schrift und Wort zu artikulieren.

Starre Textgestalt wird Text in Bewegung.

Wege des Übersetzens

Auf dem Weg zur eigentlichen Buchpublikation entdeckt, erprobt und diskutiert handverlesen die Möglichkeiten und Wege des poetischen Übersetzens. Den Sommer 2017 verbringt handverlesen in Berlin: Die Auswahl der Gedichte und die Strategien und Schwierigkeiten des Übersetzens werden hier mit gehörlosen und hörenden Dolmetscher_innen, Übersetzer_innen und Lyriker_innen erarbeitet. Dabei kooperieren wir mit den Institut für Deaf Studies und Gebärdensprachdolmetschen der Humboldt-Universität und dem Haus für Poesie Berlin.

Immer wieder gibt es Neuigkeiten - aktuelle Termine, öffentliche Veranstaltungen, Bilder und Videos. Folgen Sie uns dabei auf Facebook und Instagram.



Damit greifbar wird, wie ein gebärdetes Gedicht aussehen kann, haben Doris Geist (gehörlos) und Franziska Winkler (hörend) fünf erste Gedichtbeispiele interpretiert. Die Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Sprachformen und -stile der Interpretation sein können. Doris hat bei ihrer Interpretation die deutsche Gebärdensprache (DGS) verwendet, während Franziska die Gedichte Wort zu Wort aus dem Deutschen in Gebärdensprache gebracht hat.

Die hier zu sehenden Beispiele sollen einen ersten Eindruck verschaffen, sie sind als Anfang zu verstehen.

Erst im Rahmen der Übersetzungswerkstatt, die wir im September 2017 im Haus für Poesie veranstalten, können fundierte Gedichtübersetzungen in die deutsche Gebärdensprache und umgekehrt Übertragungen von Gebärdenpoesie in die deutsche Lautsprache angefertigt werden.

Wer wir sind

Projektleitung
Franziska Winkler (Kulturwissenschaft, Kommunikations- und Medienwissenschaft, BA) ist als Tochter gehörloser Eltern aufgewachsen. Sie ist Herausgeberin des Kulturmagazins tri*log und in Film- und Kulturprojekten als Vermittlerin und Übersetzerin der Gebärdensprache tätig.

Katharina Mevissen (Kulturwissenschaft, BA, Transnationale Literaturwissenschaft, MA) ist als Autorin und im Bereich Kultur- und Literaturvermittlung tätig. In ihrer filmischen Arbeit verfolgt sie einen gebärden-sprachlichen Schwerpunkt.

Kontakt
post@poesiehandverlesen.de

Illustration Layout
Cordula Heins Simon Wahlers

Webdesign Videogestaltung
Henrik Nieratschker Urs Mader
Logo Die Sparkasse Bremen

Das Projekt wird gefördert von der Robert Bosch Stiftung im Rahmen der Aktionen für eine Offene Gesellschaft, der Abteilung Deaf Studies und Gebärdensprachdolmetschen der Humboldt-Universität zu Berlin, der Karin und Uwe Hollweg Stiftung und der Sparkasse Bremen.

Der Abdruck der Gedichte erfolgt mit freundlicher Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main (Hilde Domin, Lyrik; aus: Sämtliche Gedichte, 2009, Fischer Verlag) und des onomato Verlags Düsseldorf (Andrea Heuser, sprechen; aus: vor dem verschwinden, Gedichte, 2008, onomato Verlag).

Wir danken unseren Förderern und den Verlagen für die Unterstützung.

Impressum (Angaben gemäß § 5 TMG):
Franziska Winkler, Sachsenstr. 31, 28203 Bremen